Bildzeitung sucht neue Sündenböcke für Corona-Pandemie

Mit großen Lettern auf einer ganzen Seite verkündete die Bildzeitung am 3. März 2021: „Es ist ein TABU“

Laut Bericht hätten angeblich 90% der Corona-Patienten (an anderer Stelle des Artikels sind es wiederum 50%) auf den Intensivstationen einen Migrationshintergrund und darüber öffentlich zu sprechen sei ein Tabu. 

Wenn man der Logik der Bildzeitung folgt, müssten die meisten der über 70.000 an Corona verstorbenen Menschen einen Migrationshintergrund haben. Seltsam, dass dies bisher niemandem aufgefallen ist, wenn es denn überhaupt so wäre.

Und weil die Migranten angeblich nicht gut Deutsch sprechen und aus einem „anderen“ Kulturkreis stammen, noch dazu auch „anders“ glauben, halten sie sich nicht an die Schutzmaßnahmen. Wie denn auch? Sie sind so abgeschottet in ihrer Parallelgesellschaft, die erfahren überhaupt nicht, was so um sie herum passiert. Von Corona, Hygiene- und Abstandsregeln haben sie auch so gut wie nichts mitbekommen; geschweige denn von den Verordnungen, die die Regierung fast täglich ändert und verkündet.

Auch Herr Wieler, der RKI-Chef, hat laut Bild festgestellt, dass man die Migranten, das heißt die Muslime (!), mit den Corona-Informationen nicht erreichen kann. Als Beispiel nennt er laut Bild die verstorbene Mutter einer Clan-Familie in Berlin. 

Somit haben wir alle Zutaten eines wunderbaren Tabuthemas für die Bildzeitung: Migranten, Muslime, Clanfamilien. Dazu kommen noch ­– wen wundert’s – die Imame und die Moscheen. Abgesehen davon, dass mit der Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ eine große Vielfalt von Herkünften, Kulturkreisen, Weltanschauungen und Sprachen alle in einen Topf geworfen werden, sind diese Menschen angeblich auch noch allesamt muslimischen Glaubens.

Wieler habe der Bild gesagt „wir müssen über Imame auf diese Religionsgruppe eingehen“, „… und da kommen wir nicht rein. Und das ist Mist“. Das ist tatsächlich problematisch, wenn Herr Wieler vor den Toren der Moschee stand und nicht rein konnte. Das ist wirklich Mist. Möglicherweise war die Moschee aufgrund der Pandemie und den Schutzmaßnahmen geschlossen?

Als der Chef der Lungenklinik in Moers, Herr Voshaar in einer Schalte von diesen dramatischen Zuständen mit Migranten in den Kliniken berichtete, hätten alle Teilnehmer, einschließlich unser Gesundheitsminister Spahn, vor lauter Schreck ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „OGottoGottoGott“. 

Dass die genannten Zahlen nicht auf repräsentativen, verifizierbaren Studien beruhen und aktuell kein nachweisbar Zusammenhang zwischen der Religionszugehörigkeit und der Verbreitung des Virus besteht, dürfte der Bild und den Herren Voshaar und Wieler auch bekannt sein. Deswegen will Herr Wieler sich mit seinen Behauptungen auch nicht festlegen: „Es handelte sich nicht um ein öffentliches Expertengespräch, sondern um einen persönlichen, informellen Austausch.“ Es seien „keine abschließenden Feststellungen, sondern nur Überlegungen“.

Während Herr Wieler noch darüber grübelt, wie er die Moscheen erreichen kann, haben andere das längst getan. Die Landesregierung in Baden-Württemberg und auch Herr Kretschmann persönlich stehen seit Ausbruch der Pandemie im engen Austausch mit den Religionsgemeinschaften, auch über die Hygienekonzepte und Maßnahmen in den Moscheen.

Die Islamischen Religionsgemeinschaften haben beim Ausbruch der Pandemie bundesweit ihre Moscheen geschlossen, bevor die staatlichen Verordnungen in Kraft getreten sind. Auch nach der Wiederöffnung wurden in den Moscheen strengere Schutz- und Hygienekonzepte umgesetzt als vorgeschrieben. Diese Maßnahmen sind für alle Besucher in verschiedenen Sprachen sichtbar und einsehbar. Jeder Besucher der Gemeinden wird erfasst; Teilnahme an den Gottesdiensten ist ohne Registrierung, ohne eigenen Gebetsteppich nicht möglich. Freitags werden mehrere Gottesdienste abgehalten, um den Gläubigen das Gebet mit entsprechendem Abstand zu ermöglichen. Dabei wird ständig auf die strikte Einhaltung der AHA-Regeln (Abstand, Hygiene und med. Alltagsmasken) hingewiesen und diese werden konsequent umgesetzt.

Vielleicht ist das alles den Herren Wieler und Voshaar nicht bekannt, mit Sicherheit aber der scheinbar sonst so gut informierten Bildzeitung. Anscheinend sind diese Informationen aber nicht sensationell genug und man kann nicht reißerisch darüber berichten.

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